Faktencheck mit einer Physiotherapeutin
Viele Menschen kennen das Gefühl: Man wacht nachts auf und der Arm oder die Hand ist taub oder kribbelt unangenehm. Doch woher kommt dieses „Einschlafen“ eigentlich – und kann auch das eigene Schlafsystem eine Rolle spielen? In einem kurzen Interview erklärt uns Physiotherapeutin Nadine Kaltenbrunner, welche Ursachen dahinterstecken und worauf man beim Schlafen achten sollte.
Wir: Woher kommt es, dass einem nachts die Hand einschläft?
Nadine Kaltenbrunner: Die Hauptverursacher für das Einschlafen der Hände sind unsere Nerven. Diese stellen die Verbindung zwischen unserem zentralen Nervensystem als „Auftraggeber“ für Bewegungen und unseren Muskeln als ausführender „Auftragnehmer“ dar. Man kann sie sich wie einen Gartenschlauch vorstellen, der Wasser von einem Hahn an einen entfernten Zielort leitet. So werden die Informationen, zu bewegen und zu fühlen, ebenfalls über die Nerven an das Zielgebiet der Haut bzw. die Ziel-Muskeln geleitet. Stellt man sich jetzt einmal vor, das der Gartenschlauch an einer Stelle geknickt ist oder jemand darauf steht, so kommt am Ende kein oder kaum Wasser heraus und es staut sich zurück. So in etwa ist das auch bei unseren Nerven: Sind diese irgendwo – egal aus welchem Grund – abgeklemmt, so kommen die Informationen am Ende nicht komplett, sondern gestört an und es entstehen kribbelnde, brennende oder Taubheitsgefühle, man nennt das Parästhesien.
Im Verlauf, aus den verschiedenen Segmenten der Halswirbelsäule (kurz: HWS) austretend, gibt es anatomisch vier potenzielle Engstellen:
- Am Austrittsort selbst, d.h. unmittelbar in der HWS
- Im Schultergelenk
- Am Ellbogengelenk
- Innenseitig oberhalb des Handgelenkes (konkret: am sog. Karpaltunnel)
Wird also im Liegen, beispielsweise in Seitenlage, noch mehr Druck durch ein falsches Schlafsystem ausgeübt, etwa auf das Schultergelenk, so verstärkt sich die Kompression eines Nervs entsprechend. Die Folge: taube Hände. Auch eine falsche Lagerung der HWS kann einen Nerv dort zusätzlich komprimieren. Wichtig ist außerdem: Die entgegengesetzte Überdehnung eines Nervs kann die gleichen Symptome hervorrufen!
Wir: Kann es auch an der Matratze liegen, wenn einem nachts die Hand oder der Arm einschläft?
Nadine Kaltenbrunner: Ja, definitiv. Vor allem eine zu harte oder zu feste Matratze übt verstärkten Druck auf die Nerven aus und kann Gliedmaßen einschlafen lassen.
Wir: Warum schläft vor allem Seitenschläfern oft der untere Arm ein?
Nadine Kaltenbrunner: Dafür können drei Komponenten verantwortlich sein, wobei es aber immer sicher ist, dass zu viel Druck auf einen Nerv die Ursache dafür ist:
- Eine zu feste Matratze, die im Bereich der Engstellen im Verlauf eines Nervs nicht genug nachgibt und somit den Druck verstärkt.
- Ein Standard-Lattenrost, das nicht anpassungsfähig ist und zum Beispiel nicht genug Raum/Platz für die Schultern schaffen bzw. zulassen kann, sodass der Druck auf die Nerven verstärkt wird.
- Ein zu festes, zu weiches, zu hohes oder zu flaches Kissen, das lokal in der HWS durch zu viel Druck oder zu wenig Unterstützung ein Abknicken der Wirbelsäule in jedwede Richtung bewirkt, somit muskuläre Anspannung forciert und letztlich eine Nerven-Kompression oder Überdehnung verursacht.
Wir: Und wieso hat man diese Beschwerden in der Regel nur nachts und nicht tagsüber?
Nadine Kaltenbrunner: Zwei Gründe. Erstens: Unser Nervensystem ist in der Nacht hoch aktiv, während unser Muskel-Skelett-System zur Ruhe kommt (bzw. zur Ruhe kommen soll). Wenn beispielsweise ein Nerv durch zu viel Druck abgeklemmt wird, nehmen wir das in Ruhe mehr wahr als tagsüber, wo wir aktiv mit anderen Dingen beschäftigt und immer wieder in Bewegung sind, welche der Kompression auch immer intermittierend entgegen wirkt.
Zweitens: In der Nacht lastet die Schwerkraft nicht axial über unseren Scheitel auf die Wirbelsäule und wir bewegen uns nicht frei im Raum. Das bedeutet, wenn wir unseren Körper flach hinlegen, kommt uns von der Unterlage ein Widerstand entgegen. Ist dieser zu hoch und es entsteht Druck, kann sich ein Nerv nicht frei entfalten und als Leitung zwischen Schaltstelle Gehirn und Muskel (sowie Hautareale) nicht richtig funktionieren. Zusätzlich sind entzündliche Prozesse in Ruhe immer deutlich aktiver, d.h. spürbarer.
Ein gutes Beispiel dafür ist ein einfacher Schnitt in den Finger. Tagsüber „zwickt“ dieser zwar, aber im Bett spürt man teilweise seinen Puls dort kräftig pochen.
Wir: Ist es denn gefährlich, wenn nachts der Arm einschläft?
Nadine Kaltenbrunner: Nein, nicht direkt, aber es sollte keinesfalls ignoriert werden! Unser Nervensystem hat ein sehr ausgeprägtes „Schmerz“-Gedächtnis, d.h. je häufiger und langanhaltender die Beschwerden sind, desto länger halten sie selbst nach Ursachenbekämpfung an (Beispiel: Phantom-Schmerz nach Amputation; Menschen die z.B. keinen Unterschenkel mehr haben, spüren noch lange Nervenschmerzen an der Operationsstelle – weil dort noch Nerven hinführen – oder ein Jucken des nicht mehr vorhandenen Fußes). Ursachen-Forschung ist hier maßgeblich und habe ich die Schmerzen nur nachts oder morgens, so liegt nahe, dass das Schlafsystem oder eine Komponente (Unterfederung/Lattenrost, Matratze und Kissen) dessen nicht adäquat ist!
Wir: Was kann man selbst tun, wenn einem nachts regelmäßig der Arm einschläft?
Nadine Kaltenbrunner: Eine Schlaf-System-Analyse ist in solchen Fällen eine sehr gute Idee. Treten die Beschwerden nur nachts oder morgens auf, so liegt sehr nahe, dass eine oder mehrere Komponenten nicht adäquat sind und uns in einer Schon- oder Zwangs-haltung lagern.
Ein kleiner Selbst-Test: Nehmen Sie doch mal die Leisten im Bereich Ihrer Schulter/Brustwirbelsäule aus Ihrem Lattenrost heraus. Ist die Schulter als Engstelle die Ursache für das Einschlafen Ihres Armes, so wird die nächste Nacht schon besser sein (außer die Matratze ist ebenfalls zu fest) und Sie wissen, was optimiert werden soll. Achtung: den Lattenrost bitte nur kurzfristig verändern für den Test. Dies ist keine dauerhafte Lösung, da sonst die Matratze Schaden nimmt.
Wir: Wann ist eine persönliche Schlafberatung sinnvoll?
Nadine Kaltenbrunner: Grundsätzlich immer. Manchmal glaubt man der Schlaf sei schon ganz okay und doch kann man ihn immer noch optimieren und gelangt dadurch zu spürbar mehr Energie und Gesundheit („Wussten Sie, dass Profi-Sportler durch Schlaf-Optimierung ihre Leistungsfähigkeit deutlich verbessern?!“). In jedem Fall aber immer dann, wenn man, aus welchen Gründen auch immer, Schlafprobleme hat. Eine gemeinsame Erörterung der Beschwerden und Beleuchtung des Schlafsystems ergeben immer Schnittstellen und somit Lösungsansätze.